NACHRUF


Abschied von Günther Cramer

Ein großer Pionier der weltweiten Energiewende

„Seien wir Realisten und versuchen das Unmögliche“ – ein Lebensmotto, wie es passender nicht hätte sein können. Für Günther Cramer, einen der großen Vordenker und Wegbereiter der weltweiten Energiewende ist es wahrlich ein Leitspruch gewesen. Es schwingt viel mit in dieser Aussage, die nicht zuletzt für die vielen Facetten einer außergewöhnlichen Persönlichkeit steht. Für den Kämpfer und Pionier, für den begeisterten Ingenieur und visionären Unternehmenslenker, für den leidenschaftlichen Segler und nicht zuletzt für einen Menschen, dem es wie keinem zweiten gelang, andere mitzunehmen und für ein gemeinsames Ziel zu begeistern. Mit Überzeugungsstärke, Optimismus und Menschlichkeit hat Günther Cramer so ein Lebenswerk geschaffen, das den Weg ebnete für die weltweite Transformation unserer Energieversorgung und damit weit über sich selbst hinaus in die Zukunft weist.

Günther Cramer war von Beginn an ein Kämpfer für die dezentrale Energieversorgung auf Basis Erneuerbarer Energien. Vor mehr als vier Jahrzehnten sah er voraus, dass die Systemtechnik und die Entwicklung von innovativen Technologien der Schlüssel sein würden für den Erfolg der Erneuerbaren Energien. Gegen alle Widerstände verstand er es, Menschen zu überzeugen und für seine Ideen zu begeistern. Gelungen ist ihm das auch deshalb immer wieder, weil er zwar die Grenzen des Möglichen gesucht hat – aber nie ein Träumer war, sondern Zeit seines Lebens ein Realist geblieben ist. Und er wusste eines ganz genau: große Herausforderungen bewältigt man nicht allein, sondern nur gemeinsam mit anderen.


Preisgekrönte Technologien entwickeln. Und die Mannschaft zu Höchstleistungen motivieren

So hatte Günther Cramer von Beginn an Weggefährten an seiner Seite, die sich bedingungslos vertrauen konnten. Mit ihrem Professor und Förderer, Werner Kleinkauf, forschten Günther Cramer, Peter Drews und Reiner Wettlaufer schon als Studenten der Universität Kassel an Konzepten für die dezentrale Energieversorgung. Noch in den Zeiten, als Verfechter der Erneuerbaren Energien und des Klimaschutzes nur belächelt wurden, hatten Günther Cramer und seine Mitstreiter ein klares Ziel vor Augen: die 100-prozentige Versorgung der Menschen mit Erneuerbaren Energien. Gemeinsam gründeten sie 1981 das „Ingenieurbüro für System-, Mess- und Anlagentechnik“, die spätere SMA. Ein mutiger Schritt in diesen Zeiten. Werner Kleinkauf half als Mentor und Teilhaber beim Aufbau. Mit geringem Kapital und viel Kreativität begann so eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht.

Einfach war es nie. Viel hing von politischen Entscheidungen ab. Bis heute sind damit auch Rückschläge verbunden und nicht jede technische Entwicklung war von Erfolg gekrönt. Wer an die Grenzen des Machbaren stößt, muss auch die Misserfolge verkraften. Aber der Spaß an der Arbeit, die Lust an kreativen Lösungen und die Beharrlichkeit, Widerstände zu überwinden, waren immer spürbar, ja sie wurden dank Günther Cramer zu Eckpfeilern der SMA Unternehmenskultur. Ob Teilhabe, Freude an der Arbeit, Transparenz oder eine offene Fehlerkultur: Günther Cramer hat diese Werte gelebt und von anderen eingefordert. Rituale gehörten dazu, wie die jährlichen Segeltörns mit den Ingenieuren, um auf hoher See neue Ideen zu kreieren. Seine Mannschaft hat er damit zu Höchstleistungen motiviert: von der Entwicklung des ersten in Serie gefertigten Solar Wechselrichters „Sunny Boy“ und der String-Technik, die die Installation von Photovoltaikanlagen so stark vereinfachte, dass plötzlich ihr großflächiger Einsatz möglich war, über die Steigerung des Wirkungsgrades des Wechselrichters fast an die physikalische Grenze, bis hin zum erfolgreichsten Börsengang des Jahres 2008.

In seiner Zeit als Vorstandssprecher wurde die SMA vielfach mit Preisen für ihre technologische Innovationsstärke und ihre herausragenden Leistungen als Arbeitgeber ausgezeichnet. Als Mitglied des Aufsichtsrats der EnBW Energie Baden-Württemberg AG und vor allem als Vorsitzender des Aufsichtsrats der SMA hat Günther Cramer richtungsweisende Impulse gesetzt und die Unternehmen auf lange Sicht geprägt. Heute ist SMA auf allen Kontinenten präsent – auch dies war ein weitsichtiger Schritt. Denn nur die globale Präsenz sichert heute das Überleben in einem schwierigen inländischen Markt.


Auf Augenhöhe mit der Politik. Den Kurs halten und Stellung beziehen

Wie auf hoher See gilt es auch im Sturm den Kurs zu halten. Nichts anderes wäre im Sinne des erfahrenen Seglers und Kapitäns Günther Cramer. „Seien wir Realisten und versuchen das Unmögliche“ – das gilt heute ebenso wie in den Zeiten des Aufbaus, und es gilt für die großen, politischen Diskussionen gleichermaßen wie im regionalen und lokalen Zusammenhang. Günther Cramer hat nie die Auseinandersetzung gescheut. Immer hat er die Nähe zur Politik gesucht, um Überzeugungsarbeit zu leisten und politischen Entscheidungen eine Richtung im Dienst der Sache zu geben. Günther Cramer hat mit den Umweltministern auf Augenhöhe diskutiert und um den bestmöglichen Kompromiss gerungen, er bezog als Präsident des Bundesverbandes Solarwirtschaft in aller Klarheit Stellung und konnte sich im unsicheren politischen Umfeld immer auf seine „Basis“ in der Region Nordhessen verlassen. Als Ehrenbürger der Stadt Kassel und Mitgründer des cdw Stiftungsverbundes setzte er sich nicht nur für die Erneuerbare Energien-Region Nordhessen ein, sondern auch für die Inselversorgung mit Solarstrom in netzfernen Gebieten, um für die Menschen die Voraussetzung für Bildung und gesellschaftliche sowie wirtschaftliche Entwicklung zu schaffen.

Er war Vorsitzender des Vorstands des Kompetenznetzwerk Dezentrale Energietechnologien, deENet, er gehörte zu den Gründern des Kasseler Instituts für dezentrale Energietechnologien, IdE, und war Mitglied des Hochschulrats der Universität Kassel, die ihm 2013 die Ehrendoktorwürde verlieh. Verbindungen, die über den Tag hinaus für einen gemeinsamen Weg in gegenseitigem Respekt und Vertrauen stehen. Ein Zeichen der großen Anerkennung für sein außergewöhnliches Engagement und ein persönlicher Meilenstein war nicht zuletzt auch die Verleihung des Umweltpreises der Deutschen Bundesstiftung Umwelt durch Bundespräsident Joachim Gauck im Jahr 2012.

„Seien wir Realisten und versuchen das Unmögliche“. Selbst am Ende dieses erfüllten Lebens hat dieses Motto seine Gültigkeit nicht verloren. Günther Cramer hat nicht aufgegeben und gegen seine schwere Krankheit angekämpft. Wohl wissend, dass irgendwann der Moment des Loslassens kommen würde. Jetzt stehen wir vor der schwersten aller Aufgaben. Wir müssen Abschied nehmen von Günther Cramer, einem der großen Pioniere und Wegbereiter der weltweiten Energiewende, der vielen von uns ein Freund gewesen ist. Unser tiefes Mitgefühl gilt vor allem seiner Familie, die ihm während seines bewegten Lebens immer den Rücken stärkte und bei der Günther Cramer Kraft und neue Energie schöpfen konnte. Auch während seiner langen, schweren Krankheit. Es ist ein Trost, dass seine Familie auch am Ende an seiner Seite war.

Was bleibt, ist ein außergewöhnliches Lebenswerk und eine große Vision, die den Weg in die Zukunft weist.
Trotz Sturm und rauer See – wir werden den Kurs halten.


Pierre-Pascal Urbon

Vorstandssprecher
SMA Solar Technology AG


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